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»Sandwerk«, 2011, Leonhardi-Museum Dresden, (Fotografie: Werner Lieberknecht)
»Sandwerk«, 2011, Leonhardi-Museum Dresden, (Fotografie: Werner Lieberknecht)

Micha UllmanSandwerk

15.09.2011 — 06.11.2011

„Sandwerk“ ist eine Ausstellung über Bücher, genauer über die Abwesenheit von Büchern. Micha Ullman, geb. 1939 in Tel Aviv, hat im Leonhardi-Museum eine Sandschüttung realisiert, die auf einer Fläche von 100 qm wie eine große Zeichnung die Spuren dieser Bücher sichtbar werden lässt. Mit dem feinkörnigen roten Sand seiner israelischen Heimat erzeugt der Künstler Schatten dieser Abwesenheit. Ullman selbst vergleicht das von ihm entwickelte Verfahren mit der Fotografie, insofern Zeit, Entfernung und Licht bestimmende Momente dieser Arbeit sind. Man kann sie aber auch als ein flaches Relief verstehen.
Diese mehrdeutigen Bezüge sind für Micha Ullmans Arbeit charakteristisch. Das Thema des Buches ist für die jüdische Religion und Kultur von zentraler Bedeutung. Das Judentum war die erste durch ein „Buch“ – die Thora – geoffenbarte Religion. Zugleich ist das Buch eine Metapher. Und seine Vernichtung eine Realität. So verstanden, nimmt die Arbeit auch Bezug auf die erste Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten am 8. März 1933 in Dresden und steht Verbindung mit Ullmans Mahnmal „Bibliothek“ auf dem Bebelplatz in Berlin.

Micha Ullman, Mitglied der Berliner Akademie der Künste und emeritierter Professor der Stuttgarter Kunsthochschule lebt bei Tel Aviv. Er ist weit über die Grenzen seines Landes und weit über die Deutschlands hinaus bekannt geworden nicht nur mit dem erwähnten Mahnmal an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933. 1980 vertrat er sein Land bei der Biennale in Venedig, zwei Mal bei der in Sao Paulo. Einladungen zur „documenta 8“ (1987) und „documenta IX“ (1992) und zu anderen wichtigen internationalen Ausstellungen stellten den Rang seines Werks immer wieder unter Beweis. 1989 war er als DAAD-Stipendiat in Berlin. Neben dem Mahnmal auf dem Bebelplatz hat er für den öffentlichen Raum in Berlin zwei weitere Arbeiten geschaffen: die Skulptur „Niemand“ (1990) in der Lindenstraße gegenüber dem Jüdischen Museum und das „Blatt“ (1997) das unweit davon, in der Axel-Springer-Straße 48 – 50, durch Bänke den Grundriss einer von den Nazis zerstörten Synagoge nachzeichnet. Auch in anderen deutschen Städten wie Stuttgart, Heidelberg, Bamberg u.a. sind Arbeiten für den öffentlichen Raum entstanden. Ebenso international: in Italien, Finnland, Australien Polen und anderenorts. Das Museum Wiesbaden ehrte ihn 2003 mit einer großen Ausstellung und zur Zeit ist im wiedereröffneten Israel – Museum in Jerusalem eine Retrospektive seines Werks zu sehen. Der Künstler erhielt neben anderen Auszeichnungen 1995 den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste Berlin und 2009 den Israel-Preis, die höchste Ehrung des Landes für die Künste.

Ullman, der aus einer 1933 aus Thüringen nach Palästina ausgewanderten Familie stammt, hat sein ganzes Werk Fragen der Erinnerung, des Verschwindens, der Abwesenheit und der Spuren gewidmet. Der rote Sand seiner Heimat ist das zentrale Motiv seiner oftmals bis zum Äußersten reduzierten Arbeit, die dennoch nicht einfach dem Minimalismus zuzurechnen ist. Jede Geste, jede Form trägt eine Bedeutung in sich, die weit über das Material hinausweist, ohne jedoch symbolhaft verstanden werden zu können. Micha Ullmans Arbeiten sind offene Räume der Gedanken und des Gedenkens. Seine Ästhetik wurzelt in der jüdischen Kultur und ist zugleich universell zu erfahren.

Die Verleihung des Gerhard-Altenbourg-Preises des Lindenau-Museums Altenburg war Anlass der Doppelausstellung in Altenburg und Dresden. Vom 11. September bis 11. Dezember zeigt das Lindenau-Museum die Ausstellung „Bergwerk“, für die Micha Ullman eine neue raumgreifende Arbeit geschaffen hat, die auf die thüringische Herkunft seiner Familie Bezug nimmt.